Eine aktuelle Dunkelfeldstudie geht möglichen Ursachen des jüngsten Anstiegs der polizeilich registrierten Jugendkriminalität in NRW nach. Im Vergleich zu Befragungen aus den Jahren 2013 und 2015 gaben 2024 deutlich mehr Jugendliche an, Delikte wie Ladendiebstahl, Raub oder Körperverletzung begangen zu haben. Die Mehrheit der Jugendlichen blieb jedoch gesetzestreu.
Unter Leitung von Clemens Kroneberg, Professor für Soziologe und Mitglied im Exzellenzcluster ECONtribute: Märkte & Public Policy an der Universität zu Köln, wurden über 3.700 Schüler:innen an weiterführenden Schulen im Ruhrgebiet befragt. Die Ergebnisse bestätigen die Hinweise auf einen Anstieg der Jugenddelinquenz aus der Polizeilichen Kriminalstatistik: So nahm die Gewaltkriminalität im Vergleich zu 2015 in der 7. Klasse um 31 Prozent, in der 9. Klasse um 27 Prozent zu. Auffällig ist, dass besonders Mädchen häufiger zu Gewaltdelikten neigen als früher. Die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen berichtet von keinen Straftaten in den letzten 12 Monaten.
In der Dunkelfeldstudie wurden auch verschiedene Einflussfaktoren für Delinquenz untersucht. So hat im 10-Jahres-Vergleich die selbst eingeschätzte Selbstkontrolle abgenommen und die moralischen Einstellungen sind schwächer geworden. Auch nehmen Jugendliche ein geringeres Risiko wahr, bei Straftaten entdeckt zu werden und spürbare Konsequenzen zu erfahren. Auch der Anteil an Jugendlichen, die von körperlicher Gewalt durch ihre Eltern berichten, ist deutlich gestiegen. Zudem verbringen sie täglich durchschnittlich fünf bis sechs Stunden auf Social Media, wo viele von ihnen mit gewalthaltigen Inhalten in Berührung kommen. Analysen der Forschenden zeigen, dass Jugendliche mit längerer Nutzungsdauer häufiger gewalttätig sind. Gewalttätige Jugendlichen berichten zudem häufiger von psychischen Belastungen.
„Auch wenn die Jugenddelinquenz historisch betrachtet zurückgegangen ist, sind die jüngsten Anstiege ernst zu nehmen“, sagt Kroneberg. „Unsere Ergebnisse legen nahe, die sozialen und emotionalen Kompetenzen von Jugendlichen sowie elterliche Erziehungskompetenzen zu stärken und das Regelbewusstsein im Schulkontext fördern.“
Hintergrund der Studie ist der deutliche Anstieg polizeilich registrierter Jugendkriminalität im Jahr 2022 nach pandemiebedingten Rückgängen. Der nordrhein-westfälische Landtag sprach sich daraufhin für eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung aus, um Ursachen und Hintergründe zu klären. „Wir sind der Landesregierung dankbar, dass sie der Forderung des Landtags nach einer unabhängig wissenschaftlichen Studie nachgekommen ist. Dunkelfeldbefragungen sind eine wichtige Ergänzung zur Polizeilichen Kriminalstatistik, um Trends und ihre möglichen Ursachen besser verstehen zu können“, so Kroneberg.
Eine neue Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft ermöglicht es Kroneberg und seinem Team, die Entwicklung von Jugendkriminalität im Projekt „Gewaltdelinquenz im Jugendalter: Eine längsschnittliche Kohortenstudie (GEKO)“ weiter zu verfolgen.
Zum Abschlussbericht der Dunkelfeldstudie, der als ECONtribute Policy Brief erschienen ist, geht es hier.