Erinnerungen an Reinhard Selten: Rosemarie Nagel

05.10.2026

Als wegweisender Spieltheoretiker und Nobelpreisträger hat Reinhard Selten unser Verständnis von strategischer Interaktion und Entscheidungsfindung tiefgreifend beeinflusst. Sein Einfluss lebt durch seine Forschung und die vielen Wissenschaftler:innen weiter, die er als Mentor begleitet hat.

Anlässlich seines Geburtstags am 05. Oktober setzen wir unsere Interviewreihe mit ehemaligen Studierenden, Kolleg:innen und engen Weggefährt:innen von Reinhard Selten fort. Sie teilen persönliche Erinnerungen und sprechen über seinen anhaltenden Einfluss auf die Wirtschaftswissenschaften. Im zweiten Interview unserer Reihe sprechen wir mit Rosemarie Nagel, Professorin an der an der Universität Pompeu Fabra und der Barcelona School of Economics.

Welcher wissenschaftliche Beitrag von Selten wird Ihrer Meinung nach heute am meisten unterschätzt?

Was meiner Meinung nach heute besonders unterschätzt wird, ist Seltens Konzept des qualitativen Schließens (qualitative reasoning). In seinen Arbeiten zum tatsächlichen menschlichen Verhalten argumentierte Reinhard oft viel stärker qualitativ als in seinen formalen spieltheoretischen Arbeiten. So basiert beispielsweise seine Lerntheorie der Richtungsanpassung (Learning Direction Theory) auf der Idee, dass man zwar ungefähr wissen kann, in welche Richtung man seine nächste Entscheidung ändern sollte, ohne jedoch zu wissen, um wie viel. Er entwickelte diesen allgemeineren Gedanken in seinen Arbeiten zum begrenzt rationalen qualitativen Schließen (boundedly rational qualitative reasoning) und war sich dessen bewusst, dass er dieses Forschungsvorhaben wohl nicht selbst zu Ende führen könnte und es auch nicht so bald zu einem großen wissenschaftlichen Durchbruch in der Ökonomie führen würde.

Das Reinhard Selten Institute ist besonders stolz darauf, Forschende am Anfang ihrer Karriere zu unterstützen. Gibt es einen Ratschlag oder einen Gedanken von Reinhard Selten, den Sie gerne mit ihnen teilen möchten?

Reinhard Selten legte großen Wert darauf, junge Forschende zu fördern. Er selbst war immer voller Ideen, über die er bereits ausführlich nachgedacht hatte, für deren Umsetzung ihm jedoch die Zeit fehlte, und er gab diese Ideen großzügig weiter. Als ich für meine Diplomarbeit noch keine Idee hatte, schlug er mir ein Thema vor. Dieses Thema beschäftigt mich bis heute: Meine Diplomarbeit befasste sich mit dem Lernen in 2×2-Spielen, und Jahrzehnte später habe ich mich dieser Spielklasse mit neuen Theorien und wesentlich umfangreicheren Daten erneut zugewandt.

Er zeigte uns auch, dass man sich mit tiefgründigen Fragen beschäftigen sollte und nicht nur Veröffentlichungen in Top-Journals nachjagen muss. Gleichzeitig lernte ich von ihm, dass selbst der beste Professor nicht immer Recht hat, wenn es darum geht, zu entscheiden, ob die eigenen Ideen es wert sind, weiterverfolgt zu werden. Wenn wir dennoch darauf bestanden, einen anderen Weg einzuschlagen, unterstützte er uns weiterhin auf genau dieselbe Weise – auch wenn er uns vielleicht als stur bezeichnete.

Gibt es eine persönliche Anekdote oder Erinnerung an Reinhard Selten, die Ihnen besonders am Herzen liegt?

Seltens Vorlesungen und das Verfassen meiner Diplomarbeit unter seiner Betreuung führten mich tief in den „Geist der Wissenschaft“ ein. Einige Jahrzehnte später schickte ich Reinhard einige meiner eher wissenschaftlich-unwissenschaftlichen Gedanken, die ich auf PowerPoint-Folien festgehalten hatte, ohne wirklich zu wissen, was ich von ihm zu hören hoffte.

Als wir uns kurz vor Weihnachten in einem Café in Bonn trafen, reichte er mir meine Seiten in einer durchsichtigen Plastikhülle zurück und sagte mit seiner ruhigen Stimme: „Das ist Poesie. Schreib ein Buch. Mach es unwissenschaftlich. Zerstöre nicht deine Karriere, und lass die Physik außen vor – du verstehst nicht genug von Physik.“

Für mich lockerte das dauerhaft das Korsett des wissenschaftlichen Denkens, sodass ich danach das Gefühl hatte, mich frei in diese wissenschaftliche Denkweise hinein- und wieder herausbewegen zu können. Reinhard selbst hat das nie wirklich getan. Er betrachtete alles mit den Augen eines Wissenschaftlers – selbst wenn er ein Wörterbuch der Katzensprache schrieb.

 

Zum Gedicht „The Rational Man as a Tuning Fork” von Rosemarie Nagel geht es hier.

Zum ersten Interview der Interviewreihe mit Bernd Irlenbusch geht es hier.

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