Am 23. August 2026 jährt sich der Todestag von Reinhard Selten zum zehnten Mal. Als wegweisender Spieltheoretiker und Nobelpreisträger hat Selten unser Verständnis von strategischer Interaktion und Entscheidungsfindung tiefgreifend beeinflusst. Sein Einfluss lebt durch seine Forschung und die vielen Wissenschaftler:innen weiter, die er als Mentor begleitet hat.
Um sein Vermächtnis zu würdigen, starten wir eine Interviewreihe mit ehemaligen Studierenden, Kolleg:innen und engen Weggefährten von Reinhard Selten. Sie teilen persönliche Erinnerungen und sprechen über seinen anhaltenden Einfluss auf die Wirtschaftswissenschaften. Den Auftakt unserer Interviewreihe macht Bernd Irlenbusch, Professor an der Universität zu Köln.
Was war Ihrer Meinung nach der wichtigste wissenschaftliche Beitrag von Reinhard Selten, und wie würden Sie ihn in einfachen, allgemeinverständlichen Worten erklären?
Wenn ich mich auf einen Beitrag festlegen müsste, würde ich Seltens Entwicklung des Teilspielperfekten Gleichgewichts wählen, das unser Verständnis von strategischem Verhalten grundlegend geschärft hat. Einfach gesagt hat er gezeigt, dass eine Strategie nur dann wirklich überzeugend ist, wenn sie an jedem Punkt, an dem tatsächlich eine Entscheidung getroffen werden müsste, plausibel bleibt – so kann beispielsweise eine leere Drohung keine Erwartungen darüber begründen, wie sich Menschen verhalten werden.

Gleichzeitig war Selten auch ein Pionier der experimentellen Forschung, weil für ihn das tatsächliche Verhalten der Menschen von Bedeutung war und er dieses nicht außer Acht ließ, nur weil es nicht einer eleganten Theorie entsprach. Er bezeichnete sich selbst als „methodologischen Dualisten“: als jemanden, der sich dem wirtschaftlichen Verhalten sowohl über formale mathematische Theorie als auch über Experimente näherte, die darauf abzielten, das tatsächliche menschliche Verhalten zu verstehen. Für mich ist diese Kombination aus theoretischer Genauigkeit und empirischer Offenheit eines der herausragendsten und beständigsten Merkmale seines wissenschaftlichen Vermächtnisses.
Das Reinhard Selten Institute ist besonders stolz darauf, Forschende am Anfang ihrer Karriere zu unterstützen. Gibt es einenRatschlag oder einen Gedanken von Reinhard Selten, den Sie gerne mit ihnen teilen möchten?
Eine Lektion, die ich sehr stark mit Reinhard Selten verbinde, ist, keine Angst vor Fragen zu haben, die außerhalb des Mainstreams liegen. Er war außerordentlich rigoros, aber gleichzeitig bereit, sich auf weitgehend unerforschtes Terrain zu begeben.
Gibt es eine persönliche Anekdote oder Erinnerung an Reinhard Selten, die Ihnen besonders am Herzen liegt?
Eine Erinnerung, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, geht auf meine Zeit als Doktorand zurück. Wir mussten unsere Arbeit in einem Fakultätsseminar vorstellen, das bei jungen Forschenden eher gefürchtet war, und es galt als sehr empfehlenswert, einen Termin zu wählen, an dem Reinhard Selten teilnehmen konnte. Er besaß die intellektuelle Autorität – und das Gespür –, einzugreifen, wenn die Diskussion etwas aus dem Ruder lief.
Ich erinnere mich noch lebhaft an mein eigenes Seminar, bei dem – wie es bei experimenteller Arbeit oft vorkommt – die Zuhörer zahlreiche Vorschläge für zusätzliche Versuchsreihen machten, die unbedingt durchgeführt werden sollten. Irgendwann schaltete sich Selten ein und sagte, sinngemäß: „Wenn Sie es für wichtig halten, eine solche Untersuchung durchzuführen, sollten Sie das selbst tun.“ Das veränderte sofort die Atmosphäre im Raum. Als Doktorand hätte man sich kaum eine stärkere Unterstützung durch seinen Betreuer wünschen können. Es war ein wunderbares Beispiel dafür, wie Selten wissenschaftliche Rigorisität mit Loyalität gegenüber jungen Forschenden und deren Schutz verbinden konnte.